Sonntag, 13. März 2011
Die Vertreter des himmlischen Heils auf Erden
Interview mit einem starken Vertreter der katholischen Lehre in Deutschland:
Limburger Bischof Tebartz-van Elst im Gespräch mit der Nassauischen Neuen Presse
zum Thema Mißbrauch, veröffentlicht am 7.3.2011, hier die vollständige Fassung:

Es war ein Paukenschlag, der bis heute nachklingt: Vor einem Jahr berichtete Bischof Dr. Franz-Peter Tebartz-van Elst erstmals in der Öffentlichkeit über sexuellen Missbrauch im Bistum. Fünf Geistliche sollen sich an Jungen und Mädchen vergangen haben; drei der Beschuldigten sind bereits verstorben, zwei Priester wurden vom Dienst suspendiert. Joachim Heidersdorf sprach mit dem Bischof über den Skandal und die Konsequenzen.

Das Thema sexueller Missbrauch hat vor einem Jahr nicht nur die Katholische Kirche erschüttert. Wie bewerten und empfinden Sie den Skandal nach zwölf Monaten?

BISCHOF: Diese schlimmen Vergehen berühren mich nach wie vor. Das Thema wird uns weiter begleiten. Wir können es nicht einfach zu den Akten legen. Im Gegenteil, es betrifft mich immer wieder neu, wenn ich von den Schicksalen der Opfer höre - egal, wie lange das Geschehen zurück liegt.

Was haben Sie persönlich unternommen?

Ich habe bewusst das Gespräch mit den Opfern gesucht, um sie auch im Namen der Kirche um Vergebung zu bitten, wohl wissend, dass so etwas nicht ungeschehen gemacht werden kann. Aber ich halte es für ganz wichtig, dass ich diesen Menschen in ihrem schweren Schicksal die Nähe der Kirche zeige. Wir haben ein sehr intensives und gutes Gespräch geführt.

Mit einem Gespräch ist es wohl nicht getan?

Diese Begegnungen in kleinen Gruppen finden weiterhin statt. Sie beschäftigen mich sehr und sie haben mich auch viel gelehrt. Der neue Missbrauchsbeauftragte bereitet die Gespräche sorgfältig vor. Dabei kann jeder und jede zu Wort kommen ohne Sorge vor einem zu großen Kreis von Zuhörern, und ich konnte auch auf jeden eingehen. Diese Form entspricht den Menschen in ihrer tiefen Verletztheit am ehesten.

Mit wie vielen Opfern haben Sie gesprochen?

Mit mehreren; das geht jetzt weiter. Jedes Vierteljahr ist ein Gespräch geplant.

Von wie vielen Opfern und Tätern gehen Sie heute im Bistum aus? Wie viele Menschen haben sich gemeldet?

Unser Missbrauchsbeauftragter hat Gespräche mit Opfern geführt und Kontakte aufgebaut. Eine verlässliche Zahl, wie viele Opfer und wie viele Täter es im Bistum gibt, kann ich Ihnen nicht nennen. Das Büro von Bischof Dr. Stephan Ackermann, dem Beauftragten der Deutschen Bischofskonferenz, erarbeitet zurzeit Kriterien und Richtlinien, nach denen die Diözesen und die Ordensgemeinschaften alle Vorgänge auswerten können. Dieses Vorgehen halte ich für richtig, damit wir nicht aufgrund von verschiedenen Einteilungen zu fehlerhaften Zahlen und missverständlichen Angaben kommen.

Gute Prävention

Wie wollen Sie verhindern, dass sich solche Vergehen wiederholen?

Durch gute Prävention. Wir wollen eine Kultur der Aufmerksamkeit und des Hinschauens entwickeln und alles tun, was in unseren Händen liegt. Aus diesem Grund habe ich einen Mitarbeiter beauftragt, kontinuierlich und systematisch alles Wissen und alle Initiativen zum Thema Prävention zu bündeln und im Bistum zu vermitteln. Dazu wurde im Dezember 2011 eine Homepage vom Bistum gestartet. Vor den Ferienlagern im vergangenen Sommer haben wir bereits verschiedene Veranstaltungen durchgeführt mit etwa 170 Teilnehmern. Es hatte sich auch unter Betreuern Unsicherheit verbreitet. Das war ein erster Schritt, zu sensibilisieren und trotzdem handlungsfähig zu bleiben. Wir fühlen uns im Bistum in der Verantwortung und der Pflicht, zu analysieren und umzusetzten, was es noch an Hilfen und Maßnahmen braucht, damit wir den Schutzschild für Kinder und Jugendliche so wirkungsvoll und verlässlich wie möglich machen können. Den neuen Missbrauchsbeauftragten für das Bistum habe ich bereits im Frühjahr ernannt, weil ich möchte, dass wir als Kirche wirklich wachsam werden und bleiben und kompetente Ansprechpartner haben.

Kein Einsatz in der Seelsorge

Gibt es immer noch neue Hinweise?

Die Hinweise sind seit Mai deutlich zurückgegangen, nach dem Sommer nochmals. Durch die öffentliche Aufmerksamkeit sind bei manchen Betroffenen alte Wunden wieder aufgebrochen und sie haben den Mut gefunden, sich zu melden.

Hat es juristische Folgen oder innerhalb der Kirche Konsequenzen gegeben?

Wir haben der Staatsanwaltschaft alle Unterlagen zur Prüfung, Beurteilung und Entscheidung übergeben, auch wenn die Fälle, juristisch betrachtet, verjährt sind. Die kirchenrechtlichen Konsequenzen sind unabhängig von Verjährungsfristen, wie sie beim staatlichen Recht bestehen. Die kirchenrechtliche Prüfung nimmt Zeit in Anspruch. Jeder Bischof muss diese Fälle nach Rom geben und dort wird geprüft, wo ein schuldig gewordener Mitbruder bleiben kann. Ein Einsatz in der Seelsorge ist selbstverständlich nicht mehr möglich.

Wäre das nicht schon früher eine selbstverständliche Konsequenz gewesen statt die Vergehen zu vertuschen?

Im Rückblick hätte es Versetzungen in eine andere seelsorgliche Aufgabe nicht geben dürfen. Allerdings muss man auch den damaligen Kenntnisstand berücksichtigen. Anschuldigungen müssen in jedem Fall begründet werden. Es darf nicht dazu kommen, dass jemand vorschnell beschuldigt wird. In meiner Vorgehensweise halte ich mich konsequent an die Richtlinien, die wir in der Deutschen Bischofskonferenz vereinbart haben.

Haben die Verantwortlichen Ihrer Meinung aus Scham oder im Bewusstsein geschwiegen, dass so etwas gar nicht sein darf?

Auch aus mangelnder Kenntnis. Dank des fortgeschrittenen medizinischen Wissens können wir die Schwere solcher Störungen besser einschätzen und wissen, dass Versetzung keine Lösung ist. Ich muss diese Entwicklung als Bischof im Blick haben. Meine Verantwortung nehme ich zuerst dadurch wahr, dass lückenlos aufgeklärt wird, dass nichts bagatellisiert wird und dass wir alle Vorsichtsmaßnahmen treffen, um die uns anvertrauten Jugendlichen und Kinder vor Unrecht zu schützen. Ich muss genauso darauf achten, dass nicht niemand zu Unrecht beschuldigt wird.

Therapien und Geld

Was hat die Bischofskonferenz bezüglich der Höhe der finanziellen Entschädigung entschieden?

Wir Bischöfe haben uns bei unseren Konferenzen intensiv mit dem Thema der finanziellen Entschädigung auseinandergesetzt. Es wurde, auch im Bistum Limburg, sofort und unmittelbar sichergestellt, dass beispielsweise Therapien für Opfer zur Verfügung stehen. Wir orientieren uns dabei an den Nöten und Bedürfnissen der Opfer. Wir werden auch weiterhin die Therapiekosten für die Opfer des Missbrauchs tragen, die andere Kostenträger nicht übernehmen. Sollten Opfer das ihnen zugefügte Leid in Form einer materiellen Leistung anerkannt sehen wollen, können ihnen, nach der Entscheidung der Bischofskonferenz, bis zu 5000 Euro gezahlt werden, bei besonders schweren Vergehen auch mehr. Diese Leistungen sollen zuerst von den Tätern erbracht werden. Nur, wo dieser dazu nicht in der Lage sind, werden die entsprechenden kirchlichen Stellen das übernehmen. Nachdem keine zeitnahe Einigung am Runden Tisch der Bundesregierung möglich schien, lag uns Bischöfen daran, den Opfern möglichst schnell ein spürbares Zeichen unserer Fürsorge zukommen zu lassen. Das Bistum Limburg wird sich zudem an einem Präventionsfonds der katholischen Kirche beteiligen, der mit 500 000 Euro ausgestattet sein wird. Dieser Fonds wird Präventionsprojekte innerhalb und auch außerhalb der katholischen Kirche fördern. Über die eingehenden Förderanträge wird eine Projektstelle entscheiden.

Viele Kirchenaustritte

Hat es aufgrund des sexuellen Missbrauchs verstärkt Kirchenaustritte gegeben?

Ja, besonders im zweiten und dritten Quartal des vergangenen Jahres. Nachdem deutlich wurde, dass sich die katholische Kirche in Deutschland und unser Bistum für eine rückhaltlose Aufklärung sexuellen Missbrauchs und eine wirkungsvolle Prävention einsetzen, haben die Kirchenaustrittszahlen wieder abgenommen. Ich bewerte dies als einen Beleg dafür, dass unsere entschiedenen Bemühungen, als Kirche aus Fehlern der Vergangenheit zu lernen, auch wahrgenommen werden. Mich persönlich, dass möchte ich hier ausdrücklich betonen, schmerzt jeder Kirchenaustritt. Jeder, der geht, fehlt der Gemeinschaft der Glaubenden.

Joachim Heidersdorf
Frankfurter Societäts-Medien GmbH
Redaktionsleiter
Nassauische Neue Presse